Die systemische 13 | Teil 10: Wahrheit vs. Wirklichkeitskonstruktion
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Einleitung: Wahrheit als Konstruktion
Eine auch für den schulischen Kontext sehr anschlussfähige Grundannahme ist die des Konstruktivismus, folgen doch auch didaktische Modelle und Strukturen wie das Kooperative Lernen der konstruktivistischen Lerntheorie (Sawatzki, 2018).
Demgemäß verfügen wir nicht über die eine Wahrheit, sondern konstruieren uns unsere je eigene Wirklichkeit (Foerster, 2006).
Abstraktion und individuelle Konstruktionen
Ein simples wie bekanntes Beispiel:
Lasse zehn Personen einen Baum zeichnen. Neun bis zehn von ihnen werden einen Laubbaum zeichnen (einer vielleicht einen Tannenbaum – insbesondere in der Vorweihnachtszeit).
Lass die gleichen Personen nun aber ein Bild zum Begriff Lernen zeichnen, so erhältst du mindestens sechs unterschiedliche Ideenrichtungen (z. B. Glühbirne, Gehirn, Stift, Denkwolke, Brille).
Je abstrakter der Begriff, desto mehr greifen wir auf unsere eigenen Konstrukte zurück.
Wahrnehmung, Kommunikation und Interpretation
In unserer Kommunikation und unseren sozialen Interaktionen finden Wahrgebung und Wahrnehmung statt, die immer einen Interpretationsspielraum eröffnen und uns einladen, die Landkarte unseres Gegenübers zu erkunden.
Kontingenz als systemische Grundannahme
Dabei gilt das Prinzip der Kontingenz. Im Kontext der Systemtheorie bedeutet dies,
„[…] dass etwas so ist, wie es ist, aber auch anders möglich gewesen wäre.“ (Luhmann, 2002, S. 152).
In komplexen sozialen Systemen besteht also die unvermeidbare Ungewissheit, dass nichts absolut notwendig oder vollkommen sicher ist und jedes Ereignis, jede Entscheidung und jede Kommunikation auch hätte anders ausfallen können.
Somit handeln Systeme immer unter Bedingungen, die nicht vollständig vorhersehbar oder determiniert sind.
Strukturen als Umgang mit Ungewissheit
Daher entwickeln Systeme Strukturen und Routinen, um mit dieser Kontingenz umzugehen (z. B. durch Erwartungen, Normen oder Programme). Diese reduzieren zwar Unsicherheit, können die Kontingenz jedoch nicht aufheben.
Konstruktivistische Bescheidenheit im Coaching
Hieraus erwächst für systemische Coaches in der Konsequenz eine „konstruktivistische Bescheidenheit“ (Foerster, Glasersfeld, 2022), die die jeweiligen Wirklichkeitskonstruktionen anerkennt, ohne sie zu bewerten.
Bedeutung für Schulentwicklungsberatung
Für die Schulentwicklungsberatung bedeutet dies beispielsweise, dass wir den Raum für unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen öffnen und halten, gegebenenfalls vermitteln und übersetzen, ohne Partei zu ergreifen oder Position zu beziehen.
Von Verständigung zu gemeinsamem Handeln
Eine Verständigung über die je eigenen Bilder kann zu einem höheren Verständnis und dieses wiederum zu einem gemeinsamen Einverständnis beitragen.
Dies bildet die Grundlage für eine vergemeinschaftete Vision, ein committetes Leitbild oder ein handlungsleitendes Schulprogramm.
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