#1 Erwartungsmonster im Coaching – Denkfehler erkennen
Was Coaches glauben, was erwartet wird – und warum genau das problematisch ist
Was erwarten Klientinnen und Klienten eigentlich wirklich von einem Coaching?
Und noch entscheidender: Was glauben Coaches, was von ihnen erwartet wird – obwohl diese Erwartungen vielleicht gar nicht existieren? Genau hier taucht es auf: das Erwartungsmonster.
Das Erwartungsmonster – eine stille Annahme
Das Erwartungsmonster geht davon aus, dass Klientinnen und Klienten Erwartungen an das Coaching richten, die nicht immer erfüllbar oder mit dem Ansatz des systemischen Coachings nur schwer vereinbar sind.
- Es unterstellt beispielsweise, dass ein Coach:
- Probleme löst
- konkrete Ratschläge gibt die „richtige“ Antwort kennt
- über umfassende Fach- und Feldkompetenz verfügt
Diese Annahmen wirken zunächst plausibel. Das Problem ist nur: Sie werden oft gar nicht überprüft.
Das Erwartungsmonster
Eine typische Coaching-Situation
Eine Lehrerin kommt ins Coaching und sagt: „Ich brauche einfach eine klare Lösung. Was würden Sie an meiner Stelle tun?“ In diesem Moment passiert im Coach oft mehr als im Raum sichtbar ist. Ein innerer Druck entsteht, verbunden mit der Erwartung, jetzt liefern zu müssen, und der Frage, ob die eigene Kompetenz ausreicht. Das Erwartungsmonster ist aktiv.
Die eigentliche Dynamik: Erwartung ohne Prüfung
Das Erwartungsmonster prüft nicht sorgfältig, ob diese Erwartungen tatsächlich vorhanden sind. Stattdessen entsteht eine pauschale Annahme: „Ich muss hier eine Lösung liefern.“ Diese Annahme wirkt oft unterschwellig, erzeugt jedoch spürbare Unsicherheit und kann das professionelle Handeln im Coaching deutlich beeinflussen.
Wenn das Monster übernimmt
Wird das Erwartungsmonster wirksam, verändert sich das Verhalten des Coaches häufig merklich. Gespräche werden stärker vom Coach gesteuert, es wird mehr gesprochen, Methoden werden häufiger eingesetzt, und es entsteht eine Tendenz, schneller Lösungen oder Vorschläge anzubieten. Was dabei schrittweise verloren geht, ist die eigentliche Rolle als Prozessbegleiter. Der Versuch, vermeintliche Erwartungen zu erfüllen, führt so nicht selten dazu, dass die Qualität des Coachings sinkt.
Besonders kritisch: im Zusammenspiel mit Selbstzweifeln
Eine besondere Dynamik entsteht dann, wenn das Erwartungsmonster auf Selbstzweifel trifft. Innere Überzeugungen wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Ich muss mehr leisten“ verstärken den Druck zusätzlich. Daraus entwickeln sich häufig kompensatorische Strategien: eine erhöhte Aktivität, ein dichtes Aneinanderreihen von Methoden oder ein spürbarer Drang, Lösungen anzubieten. Der Coach arbeitet mehr, übernimmt mehr Verantwortung – und wird gleichzeitig oft weniger wirksam.
Systemische Einordnung: Rolle und Verantwortung
Systemisches Coaching basiert auf einer klaren Rollenlogik: Der Coach trägt die Verantwortung für den Prozess, der Coachee für Inhalte und Lösungen. Das Erwartungsmonster verwischt diese Grenze. Statt den Prozess zu strukturieren, beginnt der Coach, Inhalte zu liefern. Statt Fragen zu stellen, gibt er Antworten. Damit verschiebt sich die Dynamik des Coachings grundlegend – häufig unbemerkt, aber mit deutlichen Auswirkungen auf die Wirksamkeit.
Die produktive Seite des Erwartungsmonsters
Gleichzeitig erfüllt das Erwartungsmonster auch eine wichtige Funktion. Es sensibilisiert für mögliche Erwartungshorizonte und lenkt den Blick darauf, dass Erwartungen im Coaching immer eine Rolle spielen – ob ausgesprochen oder unausgesprochen. Gerade darin liegt sein Potenzial: Es fordert dazu auf, Erwartungen nicht implizit zu lassen, sondern bewusst in den Prozess einzubeziehen.
Was hilft konkret: Erwartungsmanagement im Coaching
Professionelles Coaching bedeutet nicht, Erwartungen zu erfüllen, sondern sie sichtbar zu machen und gemeinsam zu klären. Dies gelingt insbesondere zu Beginn eines Prozesses, etwa durch Fragen wie: „Was genau erhoffen Sie sich von unserem Gespräch?“, „Woran würden Sie merken, dass das Coaching hilfreich war?“ oder „Was wäre heute ein guter Ausgang für Sie?“ Ebenso zentral ist die transparente Klärung der eigenen Rolle – also dessen, was Coaching leisten kann, und dessen, was bewusst nicht Teil des Settings ist. Diese Klarheit wirkt entlastend und schafft eine tragfähige Arbeitsgrundlage.
Fazit
Das Erwartungsmonster entsteht nicht durch reale Anforderungen, sondern durch ungeprüfte Annahmen. Es wird dann problematisch, wenn es unbewusst wirkt, und hilfreich, wenn es bewusst genutzt wird. Systemisches Coaching beginnt daher nicht mit der Suche nach der richtigen Lösung, sondern mit der Bereitschaft, Erwartungen offen anzusprechen, zu prüfen und gemeinsam zu gestalten.
Einordnung
Ich bin Dennis, SG-zertifizierter Coach und Lehrcoach, DGSv-zertifizierter Supervisor und graduierter Counselor (BVPPT). Als Coach und Fortbildungsmoderator verbinde ich Beratung und Bildung mit einem Schwerpunkt im Schulsektor. Mit dem Institut für Schulentwicklung und Hochschuldidaktik bieten wir Weiterbildungen im systemischen Coaching sowie Coaching für pädagogische Fach- und Führungskräfte an.
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